Am Anfang des Jahres denken die meisten von uns an Essen und Trinken – aber nicht nur daran, wie maßlos wir während der Feiertage geschlemmt haben, sondern auch daran, was wir im Zuge unserer Vorsätze fürs neue Jahr vielleicht seltener essen oder welche Laster wir ganz aufgeben wollen. In Großbritannien ist es zum Beispiel weit verbreitet, auf Süßigkeiten und Schokolade zu verzichten, nachdem man sich zwischen den Tagen durch eine Pralinenschachtel nach der anderen gefuttert hat. Manch Mutige nehmen sogar am »Dry January« teil – eine Bewegung, bei der die Menschen dazu angeregt werden, einen Monat lang auf Alkohol zu verzichten und damit sogar noch Geld für einen guten Zweck zu sammeln. Uns im Englischen Lektorat bei WIENERS+WIENERS geht es da nicht anders – vor allem, da viele von uns über die Feiertage in unsere Heimatländer zurückkehren und sich an der nationalen und regionalen Küche laben. Klingt toll, kann aber auch zu Verwirrungen führen, wenn wir nach Deutschland zurückkommen und von der schönen Zeit zu Hause berichten – und zwar nicht nur im Gespräch mit Kollegen aus anderen Abteilungen, sondern auch unter uns Muttersprachlern! Es gibt einige spezielle Gerichte, insbesondere im UK, die einem etwas rätselhaft erscheinen, wenn man sie noch nicht kennt. »Mince pies«, zum Beispiel, die überhaupt kein Hackfleisch enthalten, »pigs in blankets«, die eigentlich nur Würstchen im Speckmantel sind, und »Yorkshire puddings«, die kein Nachtisch sind, sondern ein Bestandteil des Hauptgerichts. Es ist immer schwierig, etwas in einer anderen Sprache zu erklären, wenn es keine direkte Übersetzung dafür gibt oder das Gesamtkonzept der Zielsprache fremd ist.

Allerdings haben wir diese Probleme nicht nur nach der Weihnachtszeit im Büro. Das ganze Jahr über bitten uns unsere Kunden, Speisekarten und Menüfolgen zu übersetzen. Das klingt vielleicht nach einer leichten Aufgabe, aber ähnlich wie bei Modeübersetzungen ist hier oft ein höherer Rechercheaufwand nötig als bei Rechts- oder Finanztexten. Um die Schwierigkeiten der Übersetzung interkultureller Kulinarik zu veranschaulichen, haben wir folgende Beispiele für Sie bereitgestellt, die häufig auf englischen oder deutschen Karten zu finden sind.

Rote Grütze

Rote Grütze ist eine beliebte Nachspeise in Norddeutschland und eine Anlehnung an das dänische Gericht »Rødgrød«. Wörtlich übersetzt hieße rote Grütze im Englischen »red groats«, was für einen Muttersprachler nicht sehr appetitlich klingt. Der Name tut dem Gericht aber unrecht, da es sich tatsächlich um ein Kompott aus roten Beeren handelt, das traditionell mit Vanillesoße serviert wird.

Grünkohl

Überraschenderweise gibt es eine direkte Übersetzung hierfür – »kale«. Dieses Superfood hat in den letzten Jahren im UK zunehmend an Popularität gewonnen und ist dort in vielen Varianten zu finden, als Chips, in Smoothies oder gedünstet als Beilage. In Deutschland hingegen ist Grünkohl ein weitverbreitetes Leibgericht, das sogar schon Kultstatus hat. »Grünkohl« meint dann zumeist ein traditionelles Wintergericht, bestehend aus gekochtem Grünkohl mit karamellisierten Kartoffeln, Schweinebacke, Kasseler und Kochwurst. Jede norddeutsche Großmutter hat das Rezept in ihrem Repertoire.

Sauerkraut

»Sauerkraut« ist uns Englischsprachigen durchaus geläufig und wir fragen uns oft, warum wir es nicht einfach mit »pickled cabbage« übersetzen, da dies dem deutschen Pendant sehr ähnlich und auch so in Supermärkten zu finden ist. Der bedeutende Unterschied zwischen den beiden ist aber, dass beim »pickled cabbage« dem gesalzenen Kohl Essig hinzugefügt wird, während er beim Sauerkraut sich selbst überlassen wird – um zu fermentieren und damit seine eigene Lake herzustellen. Köstlich und auch unglaublich nahrhaft!

Labskaus

Wenn Sie auf ein Abenteuer aus und in Norddeutschland unterwegs sind, bestellen Sie doch einmal die lokale Spezialität – Labskaus. Es gibt viele Variationen dieses Gerichts, meistens sind aber Corned Beef, Rote Bete, ein Spiegelei und Hering (als Matjes oder auch als Rollmops) enthalten. Das klingt nicht gerade überzeugend, gilt aber als perfektes Rezept gegen den Kater – demnach perfekt für Anfang Januar!

Alsterwasser

Wie wäre es mit einem Alsterwasser zu Ihrem Labskaus? Das Alsterwasser hat seinen Namen vom Fluss Alster, der mitten durch Hamburg fließt. Es gibt in Deutschland, Österreich und der Schweiz verschiedene Namen für dieses Getränk, die allesamt verwirrende Übersetzungen liefern. Aber keine Angst – in keinem Fall wird der Kellner Ihren Krug in irgendwelche Flüsse tauchen. Stattdessen bekommen Sie eine erfrischende Mischung aus Pils und Limonade. Und falls Ihnen der Sinn doch nach etwas anderem steht, bestellen Sie doch mal ein Diesel – ein Gemisch aus Pils und Cola.

Toad-in-the-hole

Dies ist mit Sicherheit ein Gericht mit einem der absurdesten Namen der britischen Küche! Aber auch eines, das perfekt für kalte Wintertage ist. Zum Glück beinhaltet es weder Frosch noch Kröte – alles, was man für dieses köstliche Essen braucht, ist ein riesiger »Yorkshire pudding« (hergestellt aus Teig, der dem von »pancakes« ähnelt, der aufgeht und beim Backen golden und knusprig wird) mit zwei Reihen saftiger Bratwürstchen im Inneren. Serviert wird es mit saisonalem Gemüse und viel Bratensoße. Ein Festessen für die ganze Familie!

Haggis

Weder sein Name noch seine Zutaten machen Haggis besonders anziehend, aber dieses Nationalgericht gilt als Delikatesse! Auch wenn es vielleicht nicht Ihre erste Wahl beim Schottlandbesuch ist, ist dieses Gericht aus Schafsherz, -leber und -lunge, zerkleinert, mit Zwiebeln, Haferflocken und Nierenfett vermengt und im Schafsmagen angerichtet, tatsächlich sehr beliebt! Es wird traditionell zur »Burns Night« gegessen – ein Feiertag zu Ehren Robert Burns’, der gemeinhin als Schottlands Nationalpoet gilt.

Spotted dick

Die Herkunft dieses zweifelsohne amüsanten Namens für einen herkömmlichen Pudding ist nicht gesichert, aber das Gericht erfreut sich im Vereinigten Königreich großer Beliebtheit. Ein Rindernierenfett-Biskuitkuchen wird mit Johannisbeeren oder Rosinen versetzt (hier findet sich die Referenz zu »spotted«) und wird für gewöhnlich mit dicker Vanillesoße übergossen serviert. Er steht bei Pubs im ganzen Land auf der Speisekarte.

Welsh rarebit

»Welsh rarebit« ist Toast mit Käse in allen Farben und Formen – ganz simpel mit geschmolzenem Käse oder in reichhaltiger Béchamelsoße ertränkt. Seinem Namen zum Trotz beinhaltet dieses Gericht jedoch kein Kaninchenfleisch. Wie bei so vielen traditionellen Speisen des UK ist die Herkunft des Namens ungeklärt. Eine Theorie ist, dass »rarebit« ein beliebter Sattmacher in Zeiten war, in denen wenig Fleisch zur Verfügung stand – jemand Fremdes könnte denken, es handele sich um Kaninchen, immerhin ist »rarebit« die umgangssprachliche walisische Schreibweise für »rabbit«.

Bubble and squeak

Nach dem ganzen Schlemmen der Feiertage gibt es keine bessere Mahlzeit zur Resteverwertung als »bubble and squeak«. Diese herzhafte Beilage beim »full English breakfast« wird aus jeglichem Gemüse gemacht, das vom Braten des Vortags noch übrig geblieben ist – einfach zusammenmischen und in einer flachen Pfanne braten. Wenn Sie immer noch satt von der gestrigen Völlerei sind, lässt sich »bubbles and squeak« auch hervorragend einfrieren. So verkommt nichts!

Nach all diesem kulinarischen Gegrübel sagen wir am besten »Mahlzeit« – ein Ausdruck, der sich nicht ins Englische übersetzen lässt – und wünschen Ihnen für das neue Jahr alles Gute! Möge Ihr 2019 voll guten Essens, guter Gespräche und guter Übersetzungen sein!