»Hier werden Sie gefaltet«, verspricht man dem Leser in einer Monatszeitschrift. Interessante Herangehensweise, denkt sich der Leser und erfährt gleich darunter – oh wie öde –, dass es hier um das Falten von Papierblättern geht und dass hier bloß ein Fehler stehen geblieben ist. Solche und ähnliche Fehler sind verbreitet, leider nicht nur in Internetforen, in denen sich alle Welt äußert, sondern auch in der Kommunikation von denjenigen, die es eigentlich wissen müssten: Germanisten, Journalisten, Autoren.

Woran liegt es, dass viele ihr Handwerk, die deutsche Sprache, entweder nicht in ausreichendem Maße beherrschen oder nachlässig damit umgehen? Liegt es am allgemeinen Desinteresse für solch unwichtigen Dinge wie die Rechtschreibung und Grammatik (»Ich bin nur Übersetzer/Redakteur, kein Lektor«)? Liegt es daran, dass Kultur und Sprache an Wichtigkeit verloren haben, daran, dass man in Buchhandlungen nach Tolstoi sucht und regalweise nur Tolkien findet? Liegt es an der immer schneller werdenden Welt, in der Leistung, Leistung, Leistung zählt und in der Nebensächlichkeiten wie diese auf der Strecke bleiben? Ja, vielleicht an allem ein bisschen.

Doch was ist die Lösung dieses Problems? In manchen Schulen werden lernschwache Kinder »abgeholt«, indem man ihnen sagt, sie sollten erst einmal nach Gehör schreiben und die Orthografieregeln außer Acht lassen. Das nennt man dann freies Schreiben. Selbst der Duden ist deskriptiv; er beobachtet, wie sich die Sprache entwickelt, und nimmt das, was lange Zeit als Fehler galt, in seinen Bänden auf – und irgendwann ist es dann richtig.

Oder soll lieber eine präskriptive Instanz eingreifen, die von oben herab diktiert, was richtig und falsch ist? So ist es zum Beispiel im Arabischen. Dort hat sich die Hochsprache seit Jahrhunderten nicht verändert, obwohl sie höchst komplex ist und viele Sprecher Probleme mit ihr haben. Eine präskriptive Grammatik würde Verunsicherungen wie hierzulande zum Beispiel seit der neuen Rechtschreibung beseitigen (heißt es »Straße« oder »Strasse«?). Man hätte etwas, woran man sich halten kann und das auch bleibt – doch würde man dann automatisch besser schreiben?

Aber ist alles überhaupt so schlimm, wie es aus allen Ecken erklingt?

Mitnichten. In den letzten Jahren haben sich Linguisten darangemacht, den vermeintlichen Sprachverfall zu untersuchen, und sind zu dem Schluss gekommen, dass man nicht zwingend von einem Verfall sprechen kann, sondern vielmehr von einem Wandel, der ein charakteristisches Merkmal von Sprachen ist. Martin Durrell zeigte 2013 in seinem Beitrag »Mit der Sprache ging es immer schon bergab« auf der Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache, dass Sprachverfallsdebatten eine sehr lange Tradition haben. Der Großteil der dort tagenden Linguisten war der Ansicht, dass vom Sprachverfall immer dann die Rede ist, wenn sprachliche Varianten auftreten, die vom Althergebrachten abweichen. Doch seien wir mal ehrlich: Wollen wir wirklich, dass alles so bleibt, wie es schon immer gewesen ist? Können Sie sich heute vorstellen, von einem »gar holden Frauenzimmer« zu sprechen, wie es vielleicht Goethe noch vor 200 Jahren getan hätte?

Aber was können wir ganz praktisch, unbürokratisch, hier und jetzt tun, um unsere Texte besser zu machen? Das Lesen anspruchsvoller Texte schult unsere Sprachkompetenz, stellt allerdings auch einen langwierigen Prozess dar. Da gibt es jedoch auch die magische Taste F7 auf der Tastatur. Mit dieser wird in vielen Textverarbeitungsprogrammen die Rechtschreib-und-Grammatik-Prüfung ausgelöst, wodurch sich die gröbsten Fehler ausmerzen lassen. Doch Vorsicht! Wenn uns die Rechtschreibprüfung vorschlägt, »wandelbar« großzuschreiben, sollten wir mit der nötigen Skepsis herangehen und lieber nachprüfen, ob diese Bar auch tatsächlich existiert.

Andrea Kret, Deutschlektorin bei WIENERS+WIENERS