wenn Substantive im Deutschen sich zusammentun

Unterwegs zwischen Arbeit und Freizeit: Kommt einmal ein Anschlusszug nicht, hat der aufmerksame Pendler viel Zeit, neue Verbindungen zwischen Wörtern zu entdecken. In der Werbung und in der Presse finden sich viele mehr oder weniger kreative Beispiele für die Kompositionsfreudigkeit der deutschen Sprache.

Das Pendeln gleicht in mancher Hinsicht dem Reden oder Schreiben. Man bewegt sich durch ein komplexes Gefüge von Informationen, die alle eine schnelle Auffassung und Reaktion erfordern. Da kommt zum Beispiel die eine S-Bahn verspätet an, und schon muss man sich sputen, um den Anschlusszug noch zu bekommen. Unterwegs stellt sich einem auf dem Bahnsteig jemand in den Weg und bittet um eine milde Gabe. In der Zwischenzeit ist der Zug abgefahren, und der nächste kommt in einer halben Stunde. Das ist eine gute Gelegenheit, sich eine Zeitung zu kaufen.

Der Pendler steht mit dem frisch erworbenen Blatt auf dem Bahnsteig. Bevor er mit dem Lesen beginnt, fällt ihm ein Plakat ins Auge. Es wirbt für ein Theaterstück: „Vom Erfolgsautor des Romans …“, heißt es. Der Pendler stutzt. Das Buch selbst kennt er zwar, aber das ist nebensächlich, denn die Fügung „Erfolgsautor des Romans“ lässt ihn zögern. Bei Zusammensetzungen von Substantiven bestimmt das zweite Glied den Sinn, hier ist es der Autor. Vom Autor des Romans ist völlig korrekt. Erwartet hätte der Pendler in diesem Fall: „Vom Autor des erfolgreichen Romans“. Was hier nun stattgefunden hat, ist eine ungewöhnliche Verquickung von Ebenen. Denn dadurch, dass das Buch des Autors erfolgreich gewesen ist, ist er selbst ein Erfolgsautor geworden. Drei Möglichkeiten bieten sich an: „Vom Autor des Bestsellers …“/„Vom Autor des Erfolgsromans …“/„Vom Autor des erfolgreichen Romans …“

Unser Pendler tendiert zu der Version mit Bestseller und erinnert sich an einen Beitrag vom WDR aus den Achtzigerjahren. Es wurde ein Angler vorgestellt, der ein Buch über sein Hobby geschrieben hat – im Sinne von Lebensbeschreibungen örtlicher Berühmtheiten, um eine mittlerweile konventionelle Verbindung von Substantiven zu bemühen. „Da steht alles drin, was ich weiß“, sagte der Angler und fügte hinzu: „ Das wird bestimmt ein Besteller.“ Er wiederholte noch mal stolz: „Das wird ein Be-Steller.“ Wer weiß, was aus ihm und seinem Werk geworden ist, aber für eine Zeit, in der es noch kein jederzeit verfügbares Internet gab und Onlinehandel noch Zukunftsmusik war, war seine Aussage geradezu prophetisch, kam aber doch zu früh. Erstaunlich, wie lange solche Phänomene in der Erinnerung bleiben.

Der Zug fährt ein und unser Pendler wird aus seinen Erinnerungen an die „Beschreibungen des Lebens örtlicher Berühmtheiten“ gerissen, um eine korrekte Auflösung der oben genannten Verschmelzung von Substantiven noch rasch anzubringen. Aber die Wartezeit war gut verbracht. Kaum schlägt er die Zeitung auf, geht es nahtlos weiter in Sachen Kompositum. Eine kleine Notiz meldet unter der Überschrift „Rückkehrrecht in Teilzeit“ eine neue Regelung für die Arbeitszeiten. Der Pendler stutzt erneut. Was ist gemeint? Gilt das Recht selbst nur noch in Teilzeit? Das wäre aber wirklich eine Meldung wert gewesen. Der zweite Bestandteil ist Recht, aber der beabsichtigte Schwerpunkt der Nachricht liegt auf Rückkehr in ebendieses Recht. Sicher, es ist gemeint, dass es ein Recht darauf gibt, in Teilzeit zurückzukehren. In der Spalte für Meldungen ist nur wenig Platz für ausführliche Überschriften. Wie ließe es sich nun korrekt und unmissverständlich formulieren? Recht auf Rückkehr in Teilzeit (oder: in TZ) oder dem Vorbild treuer: Rückkehrrecht und Teilzeit. Die Notwendigkeit, viel auf kleinem Raum zu sagen, ist legitim. Aber die Aufgabe, es möglichst korrekt und elegant zu sagen, sollte nicht vernachlässigt werden. Denn es zeigt sich – unterwegs zwischen Informationen und Arbeit und Freizeit – jeden Tag aufs Neue: Auch Pendler haben grammatikalische und ästhetische Ansprüche.